
Erdbebenhilfe Herbst 2005

Bei dem Erdbeben am 8. Oktober 2005 kamen in Pakistan und Indien 75.000 bis 80.0000 Menschen ums Leben. Millionen Menschen verloren ihr Obdach. Sie harren ohne Nahrung und bei eisigen Nachttemperaturen im Freien aus. Besonders der Transport von Hilfsgütern in die abgelegenen Bergregionen bereitet Probleme.
Der Vorsitzende des HDZ, Herr Dr. Winter, überreichten der berühmten Ärztin und Ordensfrau, Frau Dr. Ruth Pfau, welche seit Jahren aktiv in dieser Region tätig ist, einen Scheck über 50.000 €
Pressemitteilung
DZW, Dezember 2005, Erdbebenhilfe Pakistan
Frau Dr. Ruth Pfau sandte uns zwei Berichte zu, die wir nachfolgend wiedergeben:
"12.10.2005
Es sieht so idyllisch aus, wie ein Picknick: Zwei Zelte auf einer grünen Wiese,
Kinder überall, Bäume und Herbstblumen.
Aber wenn Du genauer hinsiehst: Ein 6 Wochen altes Baby. Die Mutter, unter dem
eingestürzten Dach verschüttet, hatte den Säugling durch ein Loch hinausgereicht
und gesagt, "ich komme hier doch nicht wieder heraus". Sie war an der Hüfte
eingeklemmt und starb nach 20 Minuten (jetzt haben wir das Baby in Rawalpindi,
ich glaube, wir bringen es durch; es scheint, als hätte es sich nur den
Oberschenkel gebrochen).
Die Kinder haben seit 3 Tagen keine warme Mahlzeit gesehen und auch wir haben
nur Kekse und Äpfel. Der Lastwagen, der den Nachschub bringt, wird erst morgen
kommen. Wir teilen, was wir haben: Wasser, Decken, Seife, Kekse, Obst, und wir
hören zu.
Gestern Abend, zur Zeit des Fastenbrechens dachte ich, wie rasch schützende
Sozialstrukturen nachgeben. Das ist nicht mein erster Ramazan, den ich in Azad
Kashmir verbringe. Das abendliche Fastenbrechen war immer ein Fest. Man saß
zusammen und wartete, dass die Stimme des Maulana erklang, dann reichte man
Datteln, Wasser, Kleingebäck. Auch heute wartete man noch auf die Stimme des
Maulana. Aber dann sitzt man, wo man gerade ist, und nimmt zu sich, was man
gerade hat; gestern haben wir alles verteilt, über Nacht war nichts mehr übrig.
Wir hoffen, dass wenigstens heute keiner fasten muss, dass uns der Nachschub bis
zur Mittagszeit erreicht.
Die jungen Leute tragen Schutzmasken, irgendjemand muss sie verteilt haben, und
sie müssen sie als hilfreich empfunden haben. Der ständige Gestank der
verwesenden Kadaver von Menschen und Vieh ist schwer zu ertragen. Die Toten aus
den Trümmern zu bergen, daran hat sich bis jetzt noch keiner gemacht, zumal nach
den Lebenden auch erst seit gestern gesucht wird. 300 kinder sind unter den
Trümmern ihrer Schulen allein hier in der Nachbarschatt umgekom-men. Gezählt hat
die Todesopfer noch niemand. Die Überlebenden begraben, wen sie finden, hinter
den Trümmern unseres ehemaligen TB-Zentrums.
12.10.2005
Wir kampieren auf dem Gelände unseres Krankenhauses, über dem Neelum Fluss. Eine
der Quellen am Flußufer ist nicht verschüttet, sodass wir Trinkwasser schöpfen
können.
Die halbe Fläche ist schon zum Friedhof geworden. Wir haben keine Erlaubnis
dafür, aber wo soll man denn seine Toten begraben?
Das ehemalige Krankenhaus ist ein Trümmerhaufen; ich habe mir nie vorstellen
können, dass ein ausgedehntes Gebäude so in toto zusammenstürzen kann. Es sieht
aus, als hätte man es zusammengefaltet, halbiert. Für die Patienten war es
glücklicherweise noch zu früh, vier waren auf der Veranda und sind noch
herausgekommen. Von den Mitarbeitern sind vier leicht, zwei schwer verletzt. Das
Team has sie noch lebend aus den Trümmern geborgen, sie haben die schweren
Zementplatten in einem Wahnsinnstempo in Gemeinschaftsarbeit mit einfachen
Hämmern bearbeitet, bis ein Loch groß genug war, um die Verletzten
herauszuziehen.
Eine unserer Mitarbeiterinnen war schon tot. Ein Mitarbeiter war verschol-len,
tauchte aber gestern wieder auf. Er war entkommen und nicht mehr zum Platz des
Grauens zurückgekehrt, weil seine Familie auch kein Dach mehr über
dem Kopf hatte. Dann erfuhr er, dass wir gekommen waren, und hat damit
wenigstens unsere Sorgen etwas erleichtert.
Röntgenabeilung , Labor, und die gesamten unersetzlichen Patientenkarteien
liegen nun unter den Trümmern. Es hat sintflutartig geregnet und es regnet immer
noch. Da lässt sich wohl nichts mehr retten. Und Mitarbeiter, die noch nach
ihren überlebenden oder toten Angehörigen unter den Trümmern ihrer Häuser
suchen, kann man nicht bitten, Patientenkarteien auszugraben.
Die beiden Wagen sind spurlos verschwunden. Etwa unter den Trümmern? Oder von
Familien, die das Transportmittel brauchten, entführt? Am dritten Tage finden
wir sie, einen morgens, den anderen am Nachmittag, und schaffen es, dass sie uns
wieder ausgeliefert werden. Die Nummernschilder haben sie entfernt, wir werden
sie in Rawalpindi nachmachen lassen.
Ein paar Hölzer ziehen wir noch unter den Steinen hervor, um uns eine Tasse Tee
zu kochen. Teeblätter, Zucker, Milchpulver haben wir mit, das Wasser gibt die
Quelle. Zur Erleichterung von Familien und Team haben wir jetzt wenigstens
morgens und abends eine Tasse heißen Tee. Wir haben einen einzigen Kochtopf
mittlerer Größe, woher, das wissen wir nicht, aber wir setzen Kochutensilien auf
jeden Fall auf unsere Notstandsliste, wo wir schon Kerzen, Streichhölzer,
Taschenlampen mit Batterien stehen haben. Und Regen-schirme! Wir können und
können keine Zelte auftreiben, aber unter einem Regenschirm haben wenigstens die
Kinder ein wenig Schutz.
Wir haben die Nacht im Jeep geschlafen. Wir, das sind meine kleine Mitschwester
Almas, und ich. Die Botschaft hat uns Schlafsäcke gestiftet, und das deutsche
Technische Hilfswerk (THW) hat sie ausgeliefert. Herrlich warm! Nachts meldet
sich das Erdbeben wieder, aber nicht ernstlich. Am Morgen ist alles nass, wegen
des profusen Morgentaus. Und wir haben sowieso nur den zweiten Tag keinen Regen.
Shabir hatte heute Nacht bei seinen Verwandten geschlafen. Sie wohnen auch auf
der Strasse, haben aber einiges von ihren Möbeln retten können. Shabirs Kinder
haben wir gestern nach Rawalpindi evakuiert, damit er frei sein kann für
Rettungsarbeiten. Er und die Männer der Umgebung haben heute Nacht sechs
Einbrecher festgenommen. Einbrecherbanden, die in der zerstörten Stadt stehlen,
das ist eine ernste Gefahr heute. Nur ein einziger Mann unter ihnen war aus
Muzaffarabad, sagt Shabir, der, der den Weg gewiesen hat, er hatte noch 2800
Rupees in der Tasche. Die anderen sind alle aus Pakistan (also von außerhalb des
Sonderdistrikts Kaschmir) und hatten keine einzige Rupee bei sich.
14.10.2005
Die Männer sitzen auf den Trümmersteinen, die sie sich als Sitzgelegenheiten auf
die Wiese geholt haben, um Nachrichten auszutauschen.
Die Geschichten sind immer dieselben: Wir haben sie nicht zeitig genug unter den
Trümmern unter den Erdlawinen herausholen können. Wir haben keine Maschinen, wir
können es nur mit unseren Hämmern und Schaufeln versuchen. Mit unserem Team
stehen wir vor den Trümmern des Krankenhauses. Hier lag Inshaullah, wir konnten
seine schwache Stimme hören. Wenn wir das abgesackte Dach abtragen können, dann
kriegen wir ihn, dachten wir uns, noch raus, und dann haben wir abwechselnd und
zusammen gehämmert und gehäm-mert.... Und dann haben wir auch unsere
Hilfsschwester gefunden, aber die war schon tot, und wir konnten sie nur noch
begraben. Und ob noch vielleicht vier Patienten unter den Trümmern liegen, das
wissen wir auch nicht. Auf einmal so viele, so viele werden nie ein Begräbnis
haben.
Unsere Lepra-Assistenten sind bis zu drei Tagen zu Fuß über die Berge unter-wegs
gewesen, als sie erfuhren, dass wir in Muzaffarabad seien. Den ersten Tag haben
wir nur zusammengesessen, verstört, wie versteinert. Auch ich konnte und wollte
nichts sagen. Ich wusste auch nicht, wo und wie und ob und wann anfangen. Und
mit was? Dann kam der erste Lastwagen, aber ohne Zelte. Die große Enttäuschung!
Aber wenigstens Decken und Lebensmittel hat er gebracht. Und am dritten Tag
fingen die Menschen an, unter den Trümmern zu suchen. Militär,
Hilfsorganisationen begannen mit ihrem Einsatz.
Helikopter aus dem Ausland besprühen die Stadt aus der Luft; man kann den
Kadavergeruch nicht mehr ertragen, doch Tote bergen sie nicht. Das Militär sucht
nur noch nach Überlebenden, sie hat dafür die nötigen Maschinen. Gestern haben
wir zwei gefunden. Wir, wir fühlen alle das gleiche...
14.10.2005
Nachts im Jeep. Über die Bundeswehr haben wir Schlafsäcke bekommen, jetzt hoffen
wir nur, dass uns keiner überfällt. Und selbst wenn sie es täten: Hier braucht
wirklich jeder alles.
Ein Vormittag im Hauptquartier aller Hilfsorganisationen und des deutschen
Technischen Hilfswerks. Wir haben ein paar neue Freunde gewonnen; sie sind
unbeschreiblich hilfreich. Das tut uns gut.
Dann ins pakistanische Hauptquartier. Es ist nicht möglich, nach Athmugam zu
kommen. Der Fahrweg im engen Tal des Neelum-Flußes ist total verschüttet, schon
3 km außerhalb von Muzaffarabad kommt man nicht mehr durch. Das Flüchtlingslager
am Neelum 3 km außerhalb Muzaffarabads, hat drei Tage darauf werten müssen, ehe
die Armee mit einem Helikopter die Verwundeten evakuierte. Die Bilanz:
Schätzungsweise 500 Tote (die genauen Zahlen kennt keiner).
Der Hubschrauberlandeplatz liegt voll von Verwundeten. Die Ärzte der Armee
kümmern sich um sie.
Wir schaffen es, an den General heranzukommen, der die Huschraubereinsätze
organisiert. Er kennt uns, er hat zwei Jahre lang in Kundl Shahi, in einer
felsigen Enge des Neelum, gedient. Er sagt uns jede Unterstützung zu. Später
erfahre ich, dass er der Gesundheitskommissar von Azad Kashmir ist, den ich seit
6 Monaten zu treffen versuche.
Zurück beim Technischen Hilfswerk. Die reizende junge Tierärztin und
Hygienikerin, Oberstleutnant Dr. Rossmann, bietet uns eine Vorratsflasche auf
der Veranda an, die wir dankbar annehmen. Das Team räumt seine Kühltruhe aus:
Vollkornbrot..., wir haben die erste warme Mahlzeit seit drei Tagen, braune
Bohnen mit Käseeinlage, Obstsalat, Nachtisch (den wir vor dem Hauptgericht
essen), sauberes Trinkwasser. Schließlich packen sie uns zwei Kartons mit
Wasserflaschen und Esswaren voll.
Nach drei Stunden sind wir zurück. Dazwischen liegt eine traumatische Erfahrung.
Der erste Lastwagen mit Lebensmitteln ist angekommen. Wir waren auf so etwas
nicht vorbereitet, sonst hätten wir ihn gleich unter Militär-schutz in das
THW-Camp gefahren. So konnten wir nichts anderes tun als austeilen, der Menge,
dem Mob, der sich - weiß Gott woher - im Handumdrehen angesammelt hatte, teils
unbewaffnet, teils aber bewaffnet. Kinder in Lumpen und barfüssig in der Kälte,
aber die Patronen für ihre Kalashnikoffs, die hatten sie. Und man kann es ihnen
nicht einmal vorwerfen, den Räuberbanden, die sich da zusammenrotteten und die
Verzweiflung derer nutzen, die alles verloren haben.
Es war nicht daran zu denken, irgendetwas für unsere Patienten zu retten. Den
zweiten Lastwagen fingen wir vorher ab, fuhren mit ihm direkt zum deutschen
Stützpunkt. Von dort fuhren Sie die Güter unter Militärschutz zu uns ins Camp.
Zwischendurch organisierten wir, dass die pakistanische Luftwaffe die Sachen mit
ihren Hubschraubern in die weit entfernten Dörfer im Neelumtal mitnimmt. Zurück
in Plate stellte es sich heraus, dass keiner der Lepra- Assistenten bereit war,
die Verteilung zu übernehmen. Wenn ein Hubschrauber landet, und die kommen ja
alle vom Militär, wirft die Besatzung die Hilfsgüter auch nur aus dem
Hubschrauber auf die Landefläche, dann geht das Gerangel los, dann laden sie die
Schwerkranken ein und fliegen zurück. Eine geregelte Verteilung zu versuchen,
würde uns das leben kosten. Wir werden also neue Pläne machen.
Die Nacht im Jeep. Meine kleine Mitschwester Almas genießt die Situation! Das
macht es mir leichter. Wir haben uns ein wenig eingewöhnt, wie man auf 60 x 180
cm Wohnfläche lebt, arbeitet und schläft, aber dann wimmert das Baby die ganze
Nacht im Zelt. Der Regen hat zwar aufgehört, die Sterne stehen am Himmel, aber
durch den Bodennebel sind die draußen Schlafenden völlig durchnässt.
Die erste Periode der Erstarrung scheint vorbei. Menschen graben in den Trümmern
ihrer Häuser nach ihrem Besitz, bringen ihn auf engen gefaehr-lichen Bergpfaden
in unser Klinikgelände; dort, meinen sie, ist er sicher.
Ilyas, unser Mann in Islamabad, hat herausgefunden, dass sich eine Gruppe junger
Männer als Hilfstruppe konstituiert hat. Sie nennen sich ‚Rote Brigade'. Wir
kennen die meisten von ihnen, und alle kennen uns. Sie haben eine
Telefonverbindung nach Pakistan hergestellt, stellen uns Sicherheits-kräfte für
unsere Lebensmittellager zur Verfügung, und jetzt bauen sie uns eine Toilette.
Ob man sich auf diese Jungen mit Kalashnikoffs verlassen kann, müssen wir erst
durch unsere Quellen erfragen. Gestern am ersten Tag schon haben unsere Leute
eine kleine Toilette gebaut, für die Frauen, wirk-lich phanatsivevoll, das
Baumaterial aus der Wand einer Ruine hat noch einen völlig intakten weißen
Klingelknopf. Wir müssen doch lachen. Das Team ist voll beschäftigt, das Camp zu
etablieren. Man hört noch kein Lachen, aber man bekommt gelegentlich schon ein
Lächeln des Einverständnisses.
Das Erdbeben
Man weiß alles darüber. Es ist auf allen Fernsehschirmen der Welt.
Aber was es heißt, was es bedeutet... Wir, die wir dabei gewesen sind, wir, die
wir noch den Atem anhalten, wenn uns die Nachbeben an den Morgen erinnern, wir
reden nicht. Weil wir es nicht ausdrücken können. Mir Zaman lacht kurz. Sein
Haus, das war einmal, sagt er, "aber was soll man darum trauern? Keiner hat mehr
ein Haus. Mein Junge hat sich das Bein gebrochen, aber er ist aus den Trümmern
der Schule lebend herausgekommen. Eine Röntgen-aufnahme kann man in Muzaffarabad
nicht machen, aber der Doktor vom Heer hat wenigstens einen Gipsverband
angelegt. Die Russen haben hier ein Camp aufgemacht, vielleicht haben sie ein
Röntgengerät dabei, sonst werde ich Schulden machen auf die Gesundheit meines
Kindes." Wir können ihn beruhigen. Wenn er es finanziell nicht schafft, sind wir
da ...
Wenn wir durch die Stadt, dieses Massengrab, müssen, tragen wir Schutz-masken.
Wegen dem Verwesenungsgeruch. Hier und da hämmern Familienangehörige in den
Trümmern, in der Hoffnung, wenigstens die Toten zu Bergen. Seit gestern ist das
Militär mit Kränen hier und hilft uns, Trümmer zu heben und Tote zu Bergen.
Es ist schwer, es sich vorzustellen, und wir denken auch nicht mehr zurück: Vor
drei Wochen sind wir hier gewesen. Dr. Bushra hat uns in das neu gebaute
Neelum-Hotel eingeladen, um den Beginn der Blindheits-Vorsorge zu feiern, mit
einem vorzügliches Essen. Jetzt ist das alles ein Trümmerhaufen. Nach den Toten
hat man noch nicht gesucht.
Im Gesundheitsministerium hatten wir den Plan zur Bekämpfung von Erblindung
ausgearbeitet. Wir sind noch nicht wieder dort gewesen. Wo bzw. ob die Regierung
schon tagt, wissen wir nicht. Wenn, dann sowieso nur wegen der
Katastrophenhilfe. Und im Lepra- und Tuberkulose-Zentrum hatten wir, damals(!) ,
Pläne geschmiedet, wie wir die Unterlagen veröffentlichen würden, schließlich
sind wir schon seit 1971 hier mit der Tuberkulose-bekämpfung beschäftigt...
Heute gibt es keine Familie, die keine Toten zu beklagen, keine Verwundeten zu
versorgen hätte.
Dr. Ruth Pfau"
Anfang Januar 2006 erreichte uns
ihr 2. Schreiben:
"Zweiter
Bericht aus dem Erdbebengebiet von Dr. Ruth Pfau mit Danksagung an die Spender
...jener 8.Oktober, wir können es nicht glauben, aber er ist jetzt schon fast 2
Monate her. Und immer wissen wir noch nicht alles über das Ausmaß der
Katastrophe. Eine Gruppe freiwilliger Lepra-Assistenten sind zu Fuß ins
Neelumtal aufgebrochen, als die Armee erklärte, sie könnten den Fahrweg
frühestens in 4 Monaten freilegen...
Wir könnten, mit Hilfe der Bundeswehr, 5 Tonnen Hilfsgüter einfliegen - wir
haben aber von dem Angebot noch nicht Gebrauch machen können, weil wir die
Verteilung noch nicht haben organisieren können. Wie sollen wir die Güter auf
verschneiten Hubschraublandeplätzen lagern?! Ich warte also immer noch auf die
Rückkehr der Lepraassistenten und ihren Vorschlag. Und ich werde mich sofort
melden, wenn ich sie getroffen, oder ihren Bericht habe.
Die Lepraassistenten stammen aus dem Neehlumtal, sie kennen sich also auch nach
dem Schneefall noch aus.
Natürlich haben wir erste Informationen.
Der Vorschlag, unsere Angestellten und ihre Familien, Patienten und wer sonst
noch will, über den Winter in Islamabad unterzubringen und zu versorgen, lässt
sich nicht realisieren. Die Bergrutsche sind immer noch aktiv, sodass auch die
Trampelpfade zu den Dörfern alle verschüttet sind. Es ist wie bei einer
Gletscher-Überquerung: Die Wegstrecke, die man auf dem Hinweg gegangen ist, ist
zurückzu nicht mehr passierbar, man muss neue Routen suchen... Bergerfahrene
Männer können das, oft genug mit Händen und Füssen, aber "unsere Kinder schaffen
das nicht, und das Vieh auch nicht". Hilfsgüter zurück in die Dörfer und Weiler
zu tragen, ist also auch nicht möglich, obwohl man darin geübt ist, da selbst in
‚normalen' Zeiten noch viel auf dem Rücken transportiert wird.
Wir haben jetzt drei Landemöglichkeiten für Hubschrauber (das Tal ist 90 km
lang), anfliegen kann man sie jedoch nur bei klarem Wetter, abwerfen kann man
aber nichts, da alles im tiefen Schnee und in den Schluchten verschwin-den
würde, und wenn man landet, dann stürmt die Menge der Hungrigen die Maschinen -
und wer kann es ihnen verdenken? Ob es dann auf dem Schwarzmarkt landet, weil
immer alles nur den Stärksten gehört? Das wäre ja noch akzep-tabel, denn Geld
haben wir verteilt, wie lange es allerdings reicht, wissen wir nicht.
Unsere Lepraassistenten hoffen noch immer, die Dorfgemeinschaften, oder das, was
übriggeblieben ist, organisieren zu können -.
Ich kenne Piloten, die schon nicht mehr fliegen wollen. Wegen der
Gewalttätigkeiten "...und schießen kann man" - wie sie sagen - "auf so
erfrorene, ausgemergelte Gestalten ja auch nicht..."
Wie ich damit umgehe? Ich gehe nicht damit um.
Ich setze es auf meine eschatologische Liste. Dadurch wird es wenigstens nicht
ins Unbewusste abgedrängt, wo es dann nur Depressionen verstärken und
Aggressionen verursachen würde.
Das Zwischenlager in Islamabad. Was das Team da leistet, verdient unsere
Bewunderung!
Erst bekamen wir die Bühne im Mehrzwecksaal der Gemeinschaft in Rawalpindi (in
dem Raum wird jetzt meistens die Messe gefeiert, die sehr schöne anschließende
Kapelle hat auch für die Frühmesse nicht mehr genügend Platz). Aber das konnte
man natürlich nicht abschließen, und Kinder sind (und sollen es sein!)
neugierig. Überdies reichte der Platz schon bald nicht mehr. Jetzt haben wir
Lagerräume gemietet - zu Sonderpreisen, wer etwas für die Erdbebenopfer vor Ort
tut, kann sich der Unterstützung der Bevölkerung sicher sein!
Seither rollen die Lastwagen - von Freiwilligen gepackt, von Lahore, von Karachi,
von Indien...
Ein Telefonanruf (die Fahrer haben heute alle Mobiltelefone): "Wir werden in 4
Stunden bei euch sein". Das bedeutet um 2 Uhr nachts. Das Team wird die
Lastwagen umladen: Zelte ganz unten, dann Lebensmittel, dann Decken, darüber
möglichst gebrauchte Kleidung, die wird nicht gestohlen; bisher haben wir noch
alle Lastwagen bis Muzaffarabad, bis Rawalakot, bis Bagh gebracht, dort sind
unsere Zwischenlager. In Muzaffarabad ist das Hauptlager, von dem dann in Azad
Kashmir verteilt wird - dort lagern wir den Vorrat sicher im Camp des
Österreichischen Bundesheers - jetzt hoffen wir nur, dass es nicht im Dezember
abkommandiert wird, denn es ist jederzeit möglich, dass bewaffnete Banden (die
oft von Pakistan über die Berge kommen) diese Lager überfallen.
Unser Team in Islamabad: Ilyas, selbst aus Azad Kashmir und verantwortlich für
die Durchführung aller Planungen (auch zu ‚Friedens'zeiten), unser
Lungenfacharzt, unser Buchhalter, und unser ‚Hansdampf in allen Gassen',
Aushilfekoch, Aushilfsfahrer, Hausmeister im Absteigequartier, Botengänger in
Personalunion und jetzt auch noch stolzer Vater einer kleinen Tochter. Keinem
von ihnen hätte man früher ansehen können, welche Wunder sie nun täglich
vollbringen würden!
Was wir planen?
Die Lepra-Tuberkulose-Arbeit war schon 10 Tage nach dem Erdbeben voll angelaufen
- in Zelten.
Den Ausbau der Augendienste/Blindheitsvorsorge haben wir auf das Frühjahr
verschoben.
Wir buddeln noch immer unter den Trümmern und hoffen, die Krankenakten
wiederzufinden, die verschüttet sind. Mit wechselndem Erfolg, aber nicht ganz
ohne: In Muzaffarabad ist die Kartei wieder komplett!
Die Hilfsgüterverteilung hat sich eingespielt. Zielgruppen sind Mitarbeiter und
deren Familien, Lepra und Tuberkulosekranke und deren Familien, Erblindete und
Sehbehinderte mit Familien, und dann versorgen wir noch Härtefälle in den
Dörfern, in denen unsere Patienten leben - Frauen und Kinder, deren Männer und
Väter umgekommen sind, oder Alte, die sich nicht auf den offiziellen
Verteilungsstellen in die kilometerlange Schlange der Wartenden stellen können,
um dann die Hilfsgüter in ihre Dörfer tragen...
Alles in allem werden rund 80.000 Menschen von uns versorgt - auch wenn der
Vorrat nie ausreicht. Denn wer gehört zur ‚Familie'? Da taucht immer wieder noch
ein Onkel oder ein Vetter auf, der zur Großfamilie gezählt wird, und besonders
die Zelte und Decken sind immer zu knapp.
Jetzt läuft ein neues Programm an: Der Bau von einfachen Winterunterkünften. Die
Wände werden von den Betroffenen selbst erstellt (aus Lehm, Naturstei-nen,
Trümmersteinen), das Wellblechdach wird von uns geliefert. Zwei Familien tun
sich in der Regel zusammen, das spart Wände und hält warm. Das Wellblechdach
wird so angebracht, dass Schnee und Regen ablaufen. Darin kann man dann
wenigstens ein Feuer anzünden (was man in den Zelten nicht tun kann!),
darumsitzen und sich wärmen, darauf kochen, und nachts kann man, in Decken
gehüllt, um den Feuerplatz schlafen. Kostenpunkt: Rupees 25.000.- für zwei
Familien (70 Rupees = 1 Euro), d.h. 180,-- Euro pro Familie.
Sonst? Wir vernetzen uns, massiv. Es ist mir nie aufgefallen, dass MALC, das
Lepra-Tuberkulose Programm, die einzige Freiwillige Hilfsorganisation ist, die
in Azad Kashmir arbeitet (seit 1967, da bin ich das erste Mal einge-reist).
Azad Kashmir ist theoretisch unabhängig, mit einem eigenen Parlament, einer
eigenen Regierung, aber der pakistanischen Währung. Pakistan vertritt AK auch
aussenpolitisch.
Es herrscht Einreiseverbot für Ausländer (und auch Pakistani sind nicht
eigentlich willkommen): Wir haben eine Sondererlaubnis, und ich bin mittlerweile
"eingekaschmiert" und fühle mich dort sehr, sehr wohl. Es ist wunder-
wunderschön, und völlig unberührt. Nur, es ist total unbekannt, so dass selbst
in Pakistan das Erdbeben zunächst kaum Betroffenheit hervorgerufen hat. Das hat
sich mittlerweile geändert. International hat es nie das Echo hervorgerufen wie
der Tsunami - diese Gegenden kannte man ja durch den Massentourismus.
Aber alles das ändert sich langsam. Es gibt unzählige Hilfsorganisa-tionen,
kleine unbekannte und große, wie Ärzte ohne Grenzen, und sie bieten eine breite
Palette von Diensten an (z.B. hat eine von ihnen uns eine Toilette mit
Sickergrube in unserem Muzaffarabad Lager gebaut!), von denen aber bislang
keiner Pläne hat für einen längeren Aufenthalt. Aber vielleicht ändert sich auch
das noch.
Unsere bewährten Freunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind
langfristig dabei: Misereor, das DAHW, Leprahilfe Karachi in Maria Laach,
Caritas St. Pölten (Österreich), die Aktionsgruppe in der Schweiz, und unzählige
private Spender, zu viele, um sie alle aufzählen zu können, ohne die aber auch
die Hilfsorganisationen nichts tun könnten. Rupert Neudecks Grünhelme steigen
jetzt auch ein.
Langfristig?
Wir wollen so vielen wie möglich Informationen zukommen lassen, wir kennen ja
das Land so gut und seine Menschen. Freiwilligen Mut machen, nicht nur
kurzfristig einzusteigen, sondern auch langfristig mit der Regierung, mit uns
den Aufbau zu planen.
Die Weltöffentlichkeit hat uns 5.6 Milliarden (ich hoffe, ich habe das richtig
gehört!) versprochen - aber ehe solche ‚offiziellen' Gelder Realität werden,
vergehen erfahrungsgemäß 2 bis 3 Jahre. Deshalb ist das jetzt die Stunde der
freien, freiwilligen Hilfsorganisationen!
Was wir jetzt tun können, um das Massensterben in den Bergen zu verhindern? Ich
vertraue darauf, dass die betroffenen Menschen uns selbst den Weg weisen, was
getan werden kann. Und wenigstens in den Dörfern und Weilern, die wir erreichen
können, möchten wir verhüten, dass Kinder unnötig sterben. Und da ist noch enorm
viel zu tun, ehe wir das erreicht haben!!
Winter-Notunterkünfte, in denen man ein Feuer anzünden kann, Decken,
Lebensmittel - die Unterstützung muss weitergehen, Bis einschließlich März,
nein, bis zur nächsten Ernte!
Geschichten
Eine tröstliche. Das 6 Tage alte Baby, das die sterbende Mutter noch durch eine
Spalte in den Trümmern herausgereicht hatte, das sich einen komplizierten
Beckenbruch zugezogen hat, habe ich jetzt wieder im Krankenhaus in Islamabad
besucht. Es ist rund und fröhlich und gesund und lächelt einen an, wenn man ans
Bett tritt. Es hängt noch im Streckverband, aber die Ärzte geben ihm eine gute
Prognose: Völlige Ausheilung. Es ist der Stammhalter eines unserer
Lepraassistenten, nach vier Töchtern.
Und dann die Geschichte von Hamid, dem Verantwortlichen für den schwer
betroffenen Distrikt Bagh.
Ich kenne ihn seit langem, natürlich: von dem Junior-, dem
Senior-Leprosy-Technicians-Ausbildungskurs, dem Mid-Management Kurs, und
unzähligen gemeinsamen Abenteuern in den Bergen. Mit Hamid war ich immer gern
unterwegs gewesen, er scheint immer zu wissen, was im Moment zu tun ist, damit
sich der andere wohl fühlt. Ein gut aussehender Junge.
Ich sah ihn am dritten Tag nach dem Erdbeben wieder. Um 20 Jahre gealtert, grau,
mit eingefallenen Wangen. Er setzte sich auf die Holzbank, die wir aus den
Trümmern unserer Außenstation gerettet hatten. Sprach nicht. Ich hielt seine
Hand. Er verabschiedete sich bald.
Am nächsten Tag erfuhr ich sein Schicksal. Das Haus zusammengestürzt. Die Frau
unter den Trümmern begraben, einen Sohn, eine Tochter unter den Trümmern der
Schule verloren, die Kinder noch immer im Regen, unter freiem Himmel...
Am zweiten Tag kam Hamid wieder. "Ich sollte nach Bagh", sagte er, "wenn Sie
fahren, sagen Sie mir Bescheid?" Und "Sind die Zelte angekommen?". Nein, den
ersten Zelttransport bekamen wir erst 5 Tage nach dem Erdbeben - und retteten
gerade soviel vor der anstürmenden Menge, dass wir unsere Angestellten versorgen
konnten.
Wir gaben ihm Bescheid, als wir nach Bagh abfuhren. "Ja - -", sagte er. Er saß
auf der Holzbank.
"Würdest du lieber nicht mitkommen?"
"Doch, doch..."
"Meinst du, du solltest die Familie nicht allein lassen?"
Stille.
Dann ein halblautes "die Kinder haben schon die Mutter verloren..."
Hamid ging, ohne sich zu verabschieden.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Bagh, ohne ihn.
Am übernächsten Tag überholten wir ihn im Bazar von Bagh, luden ihn in unseren
sowieso überladenen Jeep. Die Lepraassistenten rückten noch einmal zusammen.
Wir lachten. Wir brauchen noch zwei, sagten wir, dann sitzen wir so richtig
übereinander, und dann sind wir wenigstens warm!
Hamid war mit einem ‚öffentlichen Verkehrsmittel' gekommen, einem der Wagen, die
die Jeep-Piste jetzt befahren und jeden einladen, der den Mut hat mitzufahren.
Wir fuhren zur Außenstation - besser gesagt, zu dem Trümmerhaufen, der die
Außenstation jetzt darstellte. Ein Raum der Dienstwohnungen war noch brauchbar,
tiefe Risse in den Wänden, aber sie standen noch. Wir packten Mikroskope,
TB-Medikamente, eine Personenwaage, alles, was wir unter den Trümmern fanden, in
diesen einen Raum. Einen Tisch, zwei Stühle stellten wir im Garten auf. Eine
alte Frau hatte auf uns gewartet - abgemagert, fiebrig, einen großen Abszess am
Nacken - eine nähere Untersuchung ergab, dass es Drüsentuberkulose war. Hamid
notierte die Befunde zusammen mit seinem jungen Mitarbeiter, der gerade aus
Karachi gekommen war, nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung, legte die
Behandlung fest und gab die Medikamente, klärte die Frau und ihren Sohn, der sie
begleitet hatte, auf, und sagte dann (typisch Hamid!), "Frau Doktor, sie hat
alles verloren, es ist so kalt, wir haben noch eine Steppdecke in einer der
Dienstwohnungen, die ist noch in Ordnung, wir können sie später wieder
ersetzen..."
Als wir nach zwei Tagen nach Rawalakot weiterfuhren, kam Hamid nicht mit. "Ich
bin unabkömmlich hier", sagte er, "wir müssen im Distrikt die Dienste wieder
aufbauen, sonst besteht die Gefahr der Resistenz-Entwicklung..."
Ich sah Hamid nach acht Tagen in Muzaffarabad wieder. "Ich musste nur mal nach
den Kindern sehen, sagte er, sie haben jetzt ein Zelt, und sind recht
vernünftig, die Familie meines Bruders wohnt ganz nah, ich gehe morgen wieder
zurück."
Ich hätte ihn kaum wiedererkannt: So jung, so ausgeglichen, so bereit, dem Anruf
zu folgen....
Und seine Mitarbeiter in Bagh? Die sagen: "...unser DLTC (District
Leprosy-Tuberculosis Controller) hat selbst sein Haus verloren, seine Frau, zwei
seiner Kinder, und er ist trotzdem bei uns - jetzt werden wir die Zukunft in
unsere Hände nehmen."
Wir fahren im Schritt-Tempo durch den Bazar von Bagh. Die Armee hat die Strasse
freigelegt, gerade eine Fahrspur. Wir setzen den Mund-Nasenschutz auf, den in
diesen Tagen jeder in seiner Tasche trägt - der Kadavergeruch ist an vielen
Stellen unerträglich.
"Hier war eine Schule", sagt der Lepra-Assistent von Bagh. "Zwei Tage haben wir
noch die Stimmen der Kinder gehört. Wir haben mit Hämmern und Spitzhacken
versucht uns durchzugraben. Unmöglich! Wenn wir nur einen Bagger gehabt
hätten..."
In Rawalakot.
Ich bin im Wagen einer befreundeten Kinderärztin aus Karachi, Mitglied im
Aufsichtsrat von MALC, die uns hier besucht und unheimlich viel für uns tut. Sie
möchte zurück nach Muzaffarabad, und muss noch Aufnahmen machen, ich habe kaum
20 Minuten Zeit für unseren Lepra-Assistenten. Als wir abfahren, überstürzt,
habe ich ein unglückliches Gefühl....
Am nächsten Tag ist Rashid in Bagh. Mit einem geborgten Kleinlaster. "Ich wollte
die Hilfsgüter für meine Patienten abholen", sagt er, "ich weiß jetzt, wo ich
das Zeug unterbringen kann, und mein Distrikt-Arzt hat gestern zu mir gesagt, du
bist gut dran, du hast eine Mutter, aber wer fragt nach uns?!
Der Jeep
Dass die Gebäude, Krankenhaus, Dienstwohnungen, alle völlig zusammengestürzt
waren, war bald "normal" - jedes nicht zusammengestürzte Haus fiel einem auf.
Aber dass unsere Jeeps im Laufe dieser Katastrophe auch abhanden gekommen waren,
das war hart. Nichts war wichtiger jetzt, als sich rasch bewegen zu können zu
einer Zeit, wo der der öffentliche Verkehr völlig zusammenge-brochen war.
Wohin führten eventuelle Spuren?
Nach drei Tagen wussten wir es. Einen unserer Angestellten haben wir schwer
verletzt noch aus den Trümmern des Krankenhauses geborgen - und ein
einflussreicher Verwandter hatte die Gelegenheit genutzt, seinen Jeep sich unter
den Nagel zu reißen.
"Nein, sagte das Team, der ist zu einflussreich, sein Haus steht auch noch, von
dem können wir ihn nicht zurückfordern!"
Also?
Am Abend saßen wir in seinem kalten Haus. Wir hätten einen Jeep verloren, sagte
ich, und er wäre der Einzige, den ich kenne, der so einflussreich sei, dass er
für mich herausfinden könnte, wo ich ihn wiederbekommen könnte?
"Unerhört", sagte er, den Jeep, der den Lepra- und Tuberkulosepatienten gehört?!
Ja, sagte ich, und ich könne sehen, dass er die Schwere der Situation richtig
einschätze, und das genau hätte ich erwartet....
Er werde es also versuchen.
"Wann, meinen Sie, können Sie uns einen Hinweis geben?"
O, er lächelte mich siegesgewiss an, er meine, dank seinen Verbindungen sollten
wir den Wagen bis morgen Nachmittag haben...
Der Wagen kam. "Ich habe dem Entführer so gedroht, dass er mir den Wagen vor das
Haus gestellt und sich selber gleich abgesetzt hat!"
Wir machten ihm Komplimente. Vielen herzlichen Dank!, und der Tee stünde gerade
auf dem Feuer, ob er eine Tasse mit uns trinken wolle? Und heimlich grinsten wir
uns an.
Er nahm die Einladung nicht an.
Zwei Tage haben dann die Reparaturen noch gedauert, nachdem wir den Wagen nach
Islamabad gebracht hatten. In Muzaffarabad arbeitet keine Autoschlosserei mehr.
Liebe Freunde,
dass Sie uns geholfen haben, nachdem die Nachricht die Bildschirme erreicht
hatte, dass so viele geholfen haben, hat uns Mut gemacht.
Das Ausmaß der Katastrophe ist schwer zu beschreiben. Wie nach den
Flächenbombardements in Deutschland 1945: Mein unberührtes Berg-Paradies -
in 50 Sekunden ein Trümmerfeld...
Die Infrastrukturen total zerstört, nicht mal eine Schachtel Streichhölzer mehr
zu haben.
Der erste Katastropheneinsatz ist vorbei. Vorbei? Wir haben noch nicht einmal
allen Obdachlosen ein Zelt verschaffen können, und weite Teile der
Bergbevölkerung haben wir überhaupt noch nicht erreicht.
Trotzdem: es lohnt sich nicht mehr, unter den Trümmern nach Überlebenden zu
suchen. Die die Katastrophe überstanden haben, denen müssen wir helfen.
Denn schon zeichnet sich die zweite Katastrophe ab: Der Winter ist früh
eingebrochen. In den Zelten kann man kein Feuer anzünden. Wenn wir verhüten
wollen, dass noch einmal unzählige Kinder wegen der Kälte sterben, müssen wir
heizbare Notunterkünfte schaffen. Wir haben uns mit den Betroffenen
zusammengesetzt. Sie würden die Wände aus den Trümmersteinen bauen, sagten sie,
wenn wir die Wellblechdächer besorgen könnten - da kann man ein Feuer anzünden,
darauf kochen, sich die Hände wärmen, und nachts in Decken eingehüllt um die
Feuerstelle herum schlafen - so hätten sie andere Winter auch überstanden.
25.000.- Rupees für zwei Familien (15 - 20 Menschen), 70 Rupees sind 1 Euro,
das heißt 180 Euro pro Familie. Für die, die wir erreichen können.
Und die wir nicht erreichen können? Weiter versuchen. Weiter versuchen. Jeden
auch noch so kleinen Hinweis weiter verfolgen. Sich mit jedem zusammentun, der
etwas über die im Schnee Gefangenen weiß. Weitermachen. Und alle Schutzheiligen
anrufen...
Aber dabei nicht vergessen, dass das Leben weitergehen muss. Dafür zu sorgen,
dass unsere Infrastruktur im Lande, die es uns erlaubt hat, so rasch
einzuspringen, dass die landesweit weiterläuft. Beluchistan braucht Aufbau-hilfe
für die Tuberkulosebekämpfung, Sindh ist in einer Nachfolgekrise, in Northern
Areas leben Schiiten und Sunniten in tödlicher Feindschaft, die sich jedes Jahr
verschlimmert... Unseren Sylvester-Wohltätigkeitsball, der uns bisher jedes Jahr
erhebliche Einkünfte verschafft hat, können wir in heuer aus Gründen der Trauer
nicht abhalten - es ist halt nicht möglich zu tanzen im Schatten der Katastrophe
von Azad Kashmir.
Und Rücklagen haben wir auch nicht...
Das Leben
Aber es geschieht auch viel Schönes. Azam, den, 6 Tage alt, seine sterbende
Mutter noch durch einen Spalt in den Trümmern herausgereicht hat - Azam, im
Streckverband im Kinderkrankenhaus von Islamabad, lächelt wieder, wenn man an
sein Bett tritt. Wie viele haben geholfen, um dem Jungen eine Zukunft zu
schaffen!
Die Grenze nach Indien ist ein wenig durchlässiger geworden.
Und unsere Mitarbeiter haben wieder einmal bewiesen, was ihnen ihre Patienten
bedeuten - trotz des Verlustes eigener Familienmitglieder, ihrer Häuser, ihrer
ganzen Habe, war die Lepra- und Tuberkulose-Behandlung in allen Außenstationen,
in Zelten, 10 Tage nach dem Beben, wieder erhältlich.
Haben Sie Dank für alle Hilfe, die Sie zur Linderung der akuten Not leisten, mit
der Sie uns helfen, die Zukunft zu bauen.
Ruth Pfau im Dezember 2005"