
Iquitos, Sachstand u. Fotobericht "Selva Linda"
von Honorarkonsul Max Druschke
Liebe HDZler in Deutschland und rund um die Welt,
heute
will ich einmal vom Amazonas berichten und zwar vom peruanischen Anteil des
“kontinentalen” Amazonas.
Viele werden den Kopf schütteln und denken: “... aber der Amazonas fließt doch
durch Brasilien, oder!?”
Das ist schon richtig, aber er fließt AUCH durch Peru und zwar entfallen ca. 20%
des gesamten Amazonasbeckens auf Peru. Darüber hinaus ist es wohl auch nicht so
verbreitet, dass über 60% der peruanischen Landesfläche vom amazonischen Urwald
bedeckt ist – und man deshalb eigentlich nicht von einem “Andenland” sprechen
sollte, sondern von einem “Urwaldland”.
Der Urwald, der auf Peru entfällt, ist darüber hinaus auch noch der ökologisch
gesehen vielfältigste, da hier alle Ökozonen vertreten sind: Von der
Ostabdachung der Anden bis hinunter zum “low-land jungle” gibt es alle
Abstufungen und alles, was hier in Peru falsch gemacht wird, hat schlimme
Auswirkungen flussabwärts in Brasilien.
Leider vermarktet der peruanische Staat diese Tatsache nicht weltweit mit der
entsprechenden Entschiedenheit, so dass bis heute viele internationale
Hilfsgelder und –aktionen zur Rettung des amazonischen Regenwaldes einzig und
allein nach Brasilien fließen – und dabei gibt es doch auch hier so viel zu tun
!
In diesem Zusammenhang möchte ich nun kurz den Fortschrittsbericht einer
Initiative des HDZ vorstellen, die zwar auf den ersten Blick vielleicht nicht
weltbewegend aussehen mag, aber der Beweis dafür ist, dass das Zusammenspiel von
Kenntnis der Umstände vor Ort und Hilfsbereitschaft zuhause in Deutschland
wichtige Impulse setzen können.
Zunächst zu meiner Person: Ich heiße Max Druschke, bin Ökologe von Beruf und
habe mir 1988 einen Traum erfüllt, den ich von von Klein auf hatte: Den Amazonas
zu besuchen! Das hätte ich vielleicht nicht tun sollen, denn es gefiel mir so
gut und es gab/gibt so viel zu tun hier, dass ich mich 1992 entschlossen habe,
nach Peru einzuwandern und mich in Iquitos, der “Hauptstadt des Amazonas”
niederzulassen. Inzwischen bin ich seit 9 Jahren verheiratet und habe zwei
Kinder, die die Freiheit und Naturnähe in diesem Landesteil sehr genießen - wenn
man allerdings NUTELA essen will, dann muss man den 1 ½ Stunden Flug nach Lima
in Kauf nehmen – man kann nicht alles haben !
1991 wurde ich Mitglied des örtlichen Lionsclubs und wir fingen mit den
Liosfreunden an, die deutschen Quellen anzuzapfen, d.h. dank der Förderung durch
das BMZ konnten wir insgesamt 7 Schulen bauen, für Kinder, die sonst unter´m
Blätterdach den Unbillen des hiesigen Klimas ausgesetzt gewesen wären. Dann kam
1995 und es wurde dem deutschen Botschafter in Lima zu bunt, jedes Jahr mindest
einmal nach Iquitos zur Einweihung einer Schule reisen zu müssen und so wurde
ich zum deutschen Honorarkonsul bestallt, wie das im AA-Jargon heißt – von nun
an durfte ich einweihen !
In diesen Jahren berichtete ich während meiner Deutschlandreisen im heimatlichen
Göttingen immer brav dem lieben Freund und Zahnarzt unserer Familie, Herrn
Bartels, vom Amazonas und so ergab sich das erste Projekt: Die Schenkung einer
ausgemusterten Zahnstation aus DDR Beständen.
Damit fing die Minizahnklinik des Lionsclubs an; heute ist aus dieser Initiative
die Zahnärztliche Fakultät der Amazonischen Nationaluniversität entstanden –
davon wurde sicher nach dem Besuch der beiden
“Dr. Klaus” im Jahr 2002 berichtet.
Mit Klaus Winter am Ruder des HDZ ging es dann weiter; kleine tragbare Stationen
wurden an Indianerselbstverwaltungen übergeben und eine Station wird regelmäßig
von einer Lionsschule zur anderen geschleppt und die Schüler bekommen kostlose
Behandlungen; der Arzt ist Lions und das Geld für die Verbrauchsmaterialien
kommt aus einem Fond der Elternbeiräte.
Doch nun muss ich schnell die Kurve kriegen, um zum eigentliche Thema
überzuleiten: Das Indianerhilfsschiff.
Die Idee startete mit Herrn Bartels, der immer davon träumte, ein Hilfsschiff
auf den Amazonas zu setzen und dieser Traum wurde (leider nach seinem für alle
seine Freunde so überraschenden Tod) von Dr. Winter umgesetzt.
Der Idee liegt die hier vor Ort gemachte Erfahrung zu Grunde, dass nachhaltige
und vor allem angepasste Entwicklung insbesondere in indigenen Gebieten das
Amazonas nur möglich ist, wenn auch konsequent an der Verbesserung der
wirtschaftlichen Situation der Menschen gearbeitet wird.
Es bringt nichts, Schulbücher und Medizin an Indianer zu verschenken; damit
werden sie zu Bettlern gemacht und das sind sie nicht! Hier braucht es Fach- und
Sachkenntnis der örtlichen Gegebenheiten und ein bisschen Kreativität, um mit
einer möglichst geringen Investition, möglichst viele Menschen zu erreichen und
deren Lebensstandard mittel- und langfristig zu heben. Erst dann kann man von
“Indianerselbstverwaltung” sprechen, erst dann greifen andere Maßnahmen wie die
Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Erziehung.
Aufgrund meiner langjährigen Arbeit mit indigenen Völkern am Amazonas kannte ich
die Voraussetzungen gut und dies ergänzte sich ideal mit dem “Traum” von Herrn
Bartels.
Am Ende entstand ein zweistöckiges Holzschiff mit einer Nutzlast von ca. 30
Tonnen, was nun regelmäßig ein Flusssystem befährt mit einer überwiegend
indigenen Bevölkerung.
Welche Idee steckt dahinter ?
Worum es im wesentlichen geht, ist die mörderische Abhängigkeit der Indianer von
den Flusshändlern zu durchbrechen. Seit vielen über 100 Jahren ist so, dass die
Indianer von “schwimmenden Gemischwarenläden” besucht werden und Naturprodukte
gegen Salz, Schrotpatronen, Kleidung und andere Waren eintauschen; der
“Wechselkurs” wird natürlich von dem Händler festgelegt und so kam es über die
Jahre zu einer Verfestigung der totalen Abhängigkeit dieser Völker. Heute ist es
aus diesem Grunde in weiten Teilen des Amazonas nicht mehr wahr, wenn behauptet
wird, das Indianer in perfekter Harmonie mit ihrer Umgebung leben. Heute ist es
leider so, dass es gerade die Indianer sind, die aufgrund ihrer erdrückenden
Überschuldung, die ihnen zur Verfügung stehenden Naturressourcen völlig
unvernünftig ausbeuten; da singt kein Vogel mehr (die bunten Federn werden
verkauft), da schlägt sich kein Wildschwein durch´s Gebüsch (das Leder ist sehr
gesucht – die Autofahrerhandschuhe feinster Qualität entstehen daraus) und
leider findet man bald auch keine spanische Zeder oder gar einen Mahagoni-Baum –
und dies in Indianerschutzgebieten!
....und dann kamen wir und bauten die “Selva Linda” (übersetzt: schöner Urwald)
und übergaben sie in Selbstverwaltung an die Indianerorganisation und schulten
die Besatzung und zeigten den Betreibern, wo man für ihre Produkte mehr Geld
bekommt und wo man billig die Dinge kaufen kann, die am Oberlauf gebraucht
werden.
.... und dann hatten wir Erfolg, weil die Indianer Erfolg hatten !
Die Flusshändler hassten uns erst, dann wanderten sie in andere Flüsse ab –
gegen DIESE Konkurrenz hatten sie nichts anzubieten.
Das Projekt klappt gut, es werden Rücklagen gebildet, für notwendige
Reparaturen,
Die Zielgruppe hat heute merklich mehr Einkommen, als zuvor; sie kann sich
Medizin leisten und die Arbeit einer deutschen NGO im Gesundheitswesen wird
unterstützt. Die Gemeinden unterstützen die völlig unterbezahlten Lehrer; nein,
nicht mehr die Mestizen aus der Stadt, jetzt sind es meist schon
Stammesmitglieder, die von einer nordamerikanischen Hilfsorganisation zu Lehrern
ausgebildet werden. Das Landbesitzrecht wird von einer holländischen
Organisation zugunsten der Indianer geklärt und so langsam sieht es so aus, als
gäbe es zwischen den beiden Extremen indigener Völker – langsames Aussterben und
verwahrloster “Übergang” zur sogenannten Zivilisation – doch noch Alternativen
zu geben.
Haben sie das UNS zu verdanken ? Nein, aber AUCH uns, d.h. dem produktiven
Zusammenwirken von Hilfsgedanken und Umsetzung vor Ort.
So etwas geht nicht allein und auch nicht automatisch und manchmal klappt es
auch gar nicht – so ist das eben !
Nur in diesem Fall kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass wir auf dem
rechten Wege sind, denn immer mehr Menschen kommen zu mir und wollen die Idee
kopieren:
• Aus welchem Holz habt ihr denn das Schiff gebaut ?
• Wo bekommt man den besten Motor ?
• Wie funktioniert das mit dem Papierkram beim Hafenamt ?
• Wie sind die Leutchen trainiert worden ? etc, etc.
Gut so, sollen sie doch alle kopieren. Erfolg kopieren, ist auch Erfolg – es
gibt nun schon das erste schwimmende Distrikt-Bürgermeisteramt am Amazonas –
Bürgernähe mal ganz anders gelöst !
Okay, Ihr Lieben, das wäre es für diesmal vom Amazonas. Weiter unten einige
Fotos von den letzten Instandsetzungsarbeiten.
Der Wind hatte die Dachplane zerfetzt, die ist nun ersetzt. Wir haben einen
Anstrich aufgebracht und last, but not least wurde ein wirtschaftlicher Klimmzug
unternommen und das hölzerne Vorderdeck, das immer beim Aus- und Einladen der
Fracht besonders leidet, wurde durch ein Deck aus Schiffsstahl ersetzt, mit
Bugspriet und allem, was dazu gehört – damit haben wir erst mal einige Jahre
Ruhe !
Die zweite gute Nachricht ist, das wir eine strategische Allianz mit einer
anderen Nicht-Staatlichen Organisation eingegangen sind, die ein wesentlich
größeres Schiff auf dem Amazonas betreiben. Jetzt braucht die “Selva Linda” nur
noch den Nebenlauf rauf und runter bis zur Mündung und dort wird auf das große
Schiff umgeladen; das spart jede Menge Sprit und Unterhaltungskosten – sinnvolle
Synergien werden aktiviert !
Bis bald, Euer Max Druschke
e
Hier zunächst ein Eindruck vom “Naturhafen” am nördlichsten Zipfel von Iquitos; hier legen die kleinen Schiffe an, die Menschen und Ladung bewegen – man könnte sie wohl “Flussbusse” nennen! Iquitos ist das kommerzielle und Verwaltungszentrum Peru´s am Amazonas mit Sitz der Landesregierung der Provinz Loreto (Loreto hat die Grösse der Bundesrepublik Deutschland, aber nur etwa 900.000 Einwohner; auf die Stadt selbst entfallen ca. 400.000)

Hier sehen wir das Haus von José Manuyama, der immer auf die “Selva Linda” aufpasst, wenn sie in Iquitos ist; dies wird in der Zukunft kaum noch vorkommen, höchstens für die Wartungsarbeiten. Das Haus von José hat Wasser bis zu den Bodenbrettern, wenn wir in der Hochwasser-saison sind. Der min/max. Wasserstand schwankt über´s Jahr ca. 12 Meter ...


… ein Schwenk nach links und da
liegt sie vor Anker, unsere “Selva Linda”.
Die Schiffe dieser Größenordnung werden am Amazonas lieber aus Hartholz, als aus
Stahl, da das Amazonaswasser einen sehr niedrigen pH hat und damit stark
korrodierend wirkt. Darüber hinaus ist das
Holz so hart, das nur geschraubt werden kann; Nägel gehen nicht rein! Die
Planken sind aus 1 ½ Zoll starken Brettern der “Ana Caspi” Bäume – die Bretter
werden gesägt, dann getrocknet, dann verschraubt – wenn das Schiff dann in´s
Wasser kommt, schwillt das Holz wieder an und dichtet die Fugen zwischen den
Brettern fast 100 % ab!